Vergleich HottCAD und E-CAD

Beide Werkzeuge lösen dieselbe Aufgabe – die grafische Gebäudeerfassung für die energetische Bilanzierung. Sie tun es aber auf sehr unterschiedliche Weise. Wer die Wahl hat, sollte sie nach Sympathie oder nach Gebäudetyp treffen.

DIE ERFASSUNG IST DER FLASCHENHALS, NICHT DIE BERECHNUNG

In der Energieberatung entscheidet sich die Wirtschaftlichkeit eines Projekts selten an der Bilanzierung. Die läuft normiert ab. Sie entscheidet sich an der Datenaufnahme: Hüllflächen ermitteln, Bauteile zuordnen, bei Nichtwohngebäuden zonieren. Genau dafür gibt es 3D-Gebäudemodeller – und genau hier trennen sich E-CAD und HottCAD.

ZWEI WERKZEUGE MIT UNTERSCHIEDLICHER HERKUNFT

HottCAD ist eine Eigenentwicklung von Hottgenroth/ETU und bildet den Kern der 3D- und 3D-Plus-Versionen des Hauses. Das Gebäudemodell, das dort entsteht, ist zugleich die Datenbasis für alle weiteren Fachanwendungen – von der Heizlast über den hydraulischen Abgleich bis zur Simulation. Wer in HottCAD erfasst, erfasst einmal.

E-CAD stammt ursprünglich aus der Architektur-CAD CasCADos von FirstInvision und wurde als reduzierte Variante von mehreren Anbietern integriert: BKI, Envisys, Rowa-Soft und Solar-Computer setzen darauf – jeweils mit funktionalen Unterschieden. Das ist für den Vergleich wichtig: „E-CAD“ ist eher eine Produktfamilie als ein Produkt. Welche Schnittstellen und welcher Funktionsumfang zur Verfügung stehen, hängt vom jeweiligen Anbieter ab.

HOTTCAD: STARK IM WOHNGEBÄUDEBESTAND

Für Ein- und Mehrfamilienhäuser sowie Standardgeometrien spielt HottCAD seine Stärke aus. Assistenten führen durch Geschosse, Geschosshöhen, Fenster, Türen und Dachformen; Raumprofile sind für die spätere Heizlastberechnung nach DIN EN 12831 vorbelegt. Bestandspläne lassen sich als PDF, JPEG, DWG oder DXF hinterlegen und nachträglich digitalisieren.

Der eigentliche Hebel liegt aber weiter hinten in der Prozesskette. Weil dasselbe Modell später Heizlast, Rohrnetz, Trinkwasserberechnung, Lüftungskonzept und Simulation speist, amortisiert sich die Erfassung mehrfach – vorausgesetzt, das Büro arbeitet ohnehin im Hottgenroth-Ökosystem.

Typischer Anwendungsfall: iSFP für ein Mehrfamilienhaus, anschließend Heizlast und hydraulischer Abgleich für den Wärmepumpentausch.

E-CAD: STARK BEI GRÖSSE, ZONIERUNG UND SONDERGEOMETRIE

Je größer und unregelmäßiger das Gebäude, desto mehr zahlt sich die CAD-Herkunft von E-CAD aus. Das Werkzeug bringt Konstruktionsfunktionen mit, die man sonst aus ausgewachsenen CAD-Programmen kennt: freies Arbeiten im 2D- und im 3D-Modus, DXF-/DWG-Datenaustausch, Übernahme von Plänen aus Bilddateien. Wohn-, Nichtwohn- und gemischt genutzte Gebäude lassen sich unter Berücksichtigung GEG-relevanter Aspekte konstruieren und zonieren.

Die Zonierung nach DIN V 18599 ist dabei kein nachgelagerter Schritt, sondern in der Bauteilstruktur angelegt. Bei der Übergabe an die Bilanzierungssoftware wandern Zonen, Bauteile und Fenster mit in das neue System. In der BKI-Ausprägung lässt sich zudem ein bestehendes 3D-Modell über die IFC-Schnittstelle importieren und für die GEG-Berechnung aufbereiten; nachträgliche Änderungen am Modell werden per erneutem Datentransfer nachgezogen.

Typischer Anwendungsfall: Bürokomplex oder Schule mit gemischter Nutzung, Architektenmodell liegt als IFC vor, mehrere Zonen mit unterschiedlichen Nutzungsprofilen.

DER KNACKPUNKT: DAS DACH

Hier verläuft die Trennlinie in der Praxis am schärfsten. Solange es um Sattel-, Walm- oder Pultdach geht, ist die assistentengeführte Eingabe in HottCAD schneller. Sobald Gauben, Kehlen, versetzte Firste, Anbauten mit eigener Dachlandschaft oder Splitlevel ins Spiel kommen, kehrt sich das Verhältnis um. Nicht umsonst bietet der Hersteller Dachmodellierung und erweiterten Gebäudemodus als eigene Aufbaukurse an.

Der konstruktionsorientierte Ansatz von E-CAD hat hier den geringeren Umweg – man modelliert die Geometrie, die tatsächlich da ist, statt sie in ein Schema zu übersetzen. Der Preis dafür ist eine spürbar längere Einarbeitung: Wer nur zwölf Energieausweise im Jahr erstellt, könnte es da schwer haben, das Programm zu lernen.

WAS DIE ENTSCHEIDUNG TATSÄCHLICH BESTIMMT

In den meisten Büros fällt die Wahl nicht zwischen zwei Modellern, sondern zwischen zwei Ökosystemen. HottCAD bekommt man nicht ohne die Hottgenroth-Kette; E-CAD nicht ohne EVEBI, BKI Energieplaner, Solar-Computer oder Rowa-Soft. Die relevantere Frage lautet deshalb selten „welcher Modeller ist besser“, sondern: Welche Auswertungen brauche ich nach der Bilanz – und wo entstehen dabei Doppeleingaben?

Ein zweiter, oft unterschätzter Punkt: Bei einfachen Wohngebäuden ist die tabellarische Erfassung mitunter schlicht schneller als jede CAD. Der Modeller lohnt sich dort, wo das Modell weiterverwendet wird oder wo die Hüllflächenermittlung ohne grafische Kontrolle fehleranfällig würde.

ENTSCHEIDUNGSHILFE

SituationEmpfehlung
EFH/MFH, einfache KubaturHottCAD
Standarddach (Sattel, Walm, Pult)HottCAD
Komplexe Dachlandschaft, Gauben, SplitlevelE-CAD
Großes NWG mit vielen ZonenE-CAD
Gelegentliche Nutzung, wenig EinarbeitungszeitEher HottCAD

FAZIT

Die Faustregel trägt: HottCAD für das standardisierte Wohngebäude und für alles, was danach noch technisch weiterverarbeitet wird. E-CAD, sobald Geometrie oder Zonierung anspruchsvoll werden. Wer beides regelmäßig auf dem Tisch hat, fährt am besten damit, die Werkzeuge nicht gegeneinander auszuspielen, sondern das Projekt vorab richtig einzusortieren.